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Yoga unterrichten im Lockdown – die positive Seite

Wer erinnert sich noch an die Yogaszene mit Beginn des ersten Lockdowns? Panik, Ängste und das ein oder andere Quentchen Irrationaliät machten sich breit. Viele bangten um ihre Existenz. Die Schlagzeilen überschlugen sich in ihrer Negativität. Natürlich bin ich nicht weltfremd und ein Teil dieser Ängste mag berechtigt gewesen sein. Es zeigt aber auch wie festgefahren die Yogawelt ist. Dem entgegen möchte ich jetzt Richtung Ende des zweiten Lockdowns die positive Seite dieser Situation als Yogalehrer in Potsdam und Berlin hervorheben. So schlecht schaut unsere Gegenwart und Zukunft nämlich gar nicht aus.

1. Knoblauch

Zugegeben, das ist vielleicht nicht der wichtigste Punkt in dieser Diskussion. Aber es ist einer. Wer Yoga nur noch online unterrichtet, kann sich so viel Knoblauch gönnen, wie er oder sie mag. Der eine oder andere hat das vielleicht sonst auch schon gemacht, aber dann ist der positive Punkt, dass niemand in der Nackenmassage beim Shavasana leiden muss. Win-Win bei Lehrenden und Teilnehmenden.

2. Mehr Zeit

Natürlich ist es nicht feierlich, wenn Möglichkeiten zu unterrichten wegfallen. Viele haben aber flexibel reagiert und Yoga online läuft erstaunlich gut. Die Yogagemeinde hat sich in der Übergangszeit als sehr unterstützend und wohlwollend erwiesen. Egal ob durch ein verringertes Unterrichtspensum oder durch eingesparte Fahrtwege durch Yogauntericht im Homeoffice, es ist mehr Zeit für die eigene Praxis freigeworden. Damit meine ich nicht die kollektiv gepredigte Einkehr und der Rükzug vieler Yogalehrenden im ersten Lockdown, sondern die ganz normale, alltägliche Praxis. Vielleicht ist die Quantität des Yogaunterrichts geschrumpft, aber es gab viel Raum an der eigenen Praxis, der Grundlage qualitativen Yogaunterrichts zu arbeiten.

3. Digitalisierung

Klar, es ist erstmal ein Schock, ins kalte Wasser geworfen zu werden, aber es haben doch viele das Schwimmen gelernt. Die Möglichkeiten des Online-Unterrichts sind so groß und ohne die Einschränkungen durch Corona wäre die Entwicklung nicht so schnell vorangeschossen. Von überall aus ist es jetzt möglich auf guten Yogaunterricht zurückzugreifen. In meinen Klassen waren so schon Leute aus anderen Ländern. Das ist doch mega. Langfristig kann das sehr viel mehr Flexibilität für Yogalehrende sowie Praktizierende bedeuten. Im letzten Kuhkaff steht einem auf einmal die gesamte Yogawelt offen. Also vorausgesetzt es gibt dort Internet…

4. Intimität

Ich weiß nicht, wie es anderen Lehrenden damit geht, aber ich empfinde die online gegebenen Yogastunden als sehr viel persönlicher. Alleine in einem Yogastudio von ein paar Scheinwerfern angestrahlt, entsteht in mir eine ganz andere Form der Stille. Gleichzeitig bin ich vor der Kamera nicht nur in der Rolle des vermittelnden Lehrers sondern ebenso Praktizierender. Den Teilnehmenden gegenüber ensteht eine ganz andere Nähe, da sie ein Stück weit an meiner persönlichen Praxis teilhaben und einiges aus meine Praxis direkt in die Ansagen einfließt.

Auf der anderen Seite sind die Teilnehmenden wahrscheinlich selbst alleine in einem Raum. Auch wenn es die eigenen vier Wände sind, gibt es weniger Ablenkung. Vergleiche mit der Gruppe und Schamgefühle verlieren ihre Basis. Nicht nur ich bin in dieser Situation mehr auf mich zurückgeworfen. Auch die Teilnehmenden haben dabei die Chance tiefer auf sich zu blicken.

5. Flow

Üblicherweise geht man als Lehrer mit einem festen Plan in seine Yogastunde und passt ihn dann während des Unterrichtens an die Teilnehmenden, die Situation und die Zeit an. Wird die Gruppe bspw. müder und etwas langsamer hat das oft auch seine Auswirkungen auf die Yogaklasse. Der Unterrichtsflow ist dynamisch und in ständiger Kommunikation mit den Teilnehmenden. So entsteht am Ende ein harmonisches Ganzes.

Online ist das grundsätzlich anders und diesen Kontrast zu spüren, habe ich sehr genossen. Der Flow hängt hier überwiegend von meinem inneren Metrum ab. Die Vorgabe ist ganz klar und kann zu einem tieferen Eintauchen führen. Es ist nicht unbedingt Raum, nochmal das Shirt zu richten oder einmal durchzuatmen. Die Stunde rollt weiter. Man bleibt beim Wesentlichen und ist gefordert, präsent zu sein. Ein bisschen dieser klaren Führung will ich auf jeden Fall mit in den Präsenzunterricht nehmen, wenn die Studios wieder öffnen. Ohne Lockdown wäre ich aber nicht so direkt darauf gestoßen worden.

6. Minimalismus

Wenn die Yogaklassen nicht gerade Werbung gespickt bei Youtube laufen, reduziert sich die Werbung durch Shops und ähnliches deutlich und das tut der Yogaszene mehr als gut. Gleichzeitig fällt durch die Praxis zu Hause ein bisschen der Druck, in der Gruppe in irgendeiner Form (sei es durch Yogamatte, Outfit oder Zeit vorm Spiegel) mithalten zu müssen.

Versteht das nicht falsch. Auch wenn ich Yoga oder zumindest Meditation straight out of bed durchaus zu schätzen weiß, bleibt Sauca (Reinheit) ein wichtiger Aspekt im Yoga. Es kann auch eine Form von Wertschätzung sich selbst gegenüber sein, sich stilvoll zu kleiden und gepflegt auf die Matte zu steigen. Das macht etwas im Kopf. Verändert die Atmossphäre. Es ist aber ein Unterschied, ob ich das für mich oder die Außenwirkung tue und wenn ich es für mich tue, dann nach meinem Geschmack und nicht der Empfehlung schriller Werbung folgend. Also ist es eigentlich ganz cool, dass Werbung und Wettbewerb gerade mal Pause haben.

7. Offenheit (Yoga Beginner)

Auch wenn alle Sportstudios schließen, Kurse auf unbestimmt ausfallen und man vielleicht noch im Homeoffice sitzt, bleibt der Bewegungsdrang und der Wunsch, Ausgleich zu schaffen, erhalten. Einige haben sicher das Joggen für sich entdeckt, andere Training mit dem eigenen Körpergewicht (HIIT und ähnliches). Yoga, besonders durch die Möglichkeit langfristig resilienter auf Stress zu reagieren, hat sicher ebenfalls an Attraktivität gewonnen. Ein paar andere Angebote wird es noch gegeben haben, aber das sind wahrscheinlich die Bereiche, die im Lockdown am stärksten zugelegt haben.

Der Mangel an Bewegungsangeboten hat also für eine neue Offenheit gesorgt. Menschen, die zuvor nicht viel über Yoga nachgedacht haben, probier(t)en es jetzt aus. Ja, da ist der Mangel. Aber da ist auch eine neue Offeneheit gegenüber neuen Erfahrungen besonders im Bereich Bewegung. Ich finds gut.

8. Blick in die Zukunft

Es mag hart klingen, aber ein Stück weit hat der Lockdown den Yogamarkt verdichtet und die Spreu vom Weizen getrennt. Gnadenlos hat sich offenbart, wer eingeschlafen und unflexibel geworden ist, wer bisher schlecht gewirtschaftet hat, wer es wirklich ernst meint und wer nicht. Yogaunterricht hat sich in seiner Breite essentialisiert. Es ist weniger Platz für Bling Bling und Larifari.

Irgendwann wird der Lockdown vorbei sein und das Bedürfnis, unter Leute zu kommen, sich etwas zu gönnen und wieder zu bewegen, wird stärker sein als zuvor. Yoga ist ein schöner, sanfter Weg aus diesem Winterschlaf zu erwachen. Und dann ist da noch die bittersüße Seite. Durch das viele Zuhause sitzen, wird es einen stärkeren Bedarf geben, körperlich und im Kopf wieder klarzukommen. Yoga wird noch relevanter sein als zuvor, besonders auf gesundheitlicher Ebene. Ich bin bereit.

Mir ist bewusst, das Corona für viele keine einfache Zeit war und ist. Ich für meinen Teil bin aber dankbar. Mir hat der Lockdown eine Elternzeit gegeben, die ich sonst nicht gehabt hätte. Es sind Unterrichtsangebote gekommen, die sich sonst wahrscheinlich nicht so schnell ergeben hätten. Ich verdiene und unterrichte mehr als letztes Jahr zur gleichen Zeit. Ja, es war auch herausfordernd. Aber Yoga im Lockdown zu unterrichten, hat auch diese Seite, eine positive Seite.

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