Ich war jetzt das sechste Mal im Wald von Fontainebleau und das dritte Mal für länger und zum Bouldern. Offensichtlich übt dieser Ort eine Anziehungskraft aus, die mit den Besuchen noch zunimmt. Das geht soweit, dass in meinem Wohnzimmer ein Bild von der Dame Jouanne hängt, um immer wieder an dieses Gefühl zwischen den Felsen und Bäumen erinnert zu werden. Ein paar meiner Erkenntnisse aus dieser Zeit, rund ums Bouldern und darüber hinaus möchte ich mit euch teilen.
Kraft statt Gewicht
Ich kann mich noch gut an den ersten Boulder-Trip 2023 erinnern. Mein Koffer war so voll mit Fragen, dass mir in der Zeit davor der Appetit abhanden kam. Mein Körper hatte so viel Ballast wie möglich abgeworfen und ich fühlte mich leicht und in Topform. Jetzt drei Jahre später wog mein Koffer keineswegs weniger. Allerdings scheint mein Körper an seinen Herausforderungen gewachsen zu sein und kam mit einem Plus von mehr als 10kg im Vergleich zum ersten Trip. Was soll ich sagen? Ich bin so hart gebouldert wie noch nie und habe mehrere Projekte abgeschlossen, die mir während der anderen beiden Trips noch unmöglich erschienen. Mein Resümee: Gewicht wird überbewertet. Lieber etwas massiger und dafür richtig anpacken können.
Mobilität spart Kraft
Ich mag die physische Komponente des Boulderns. Im Überhang mit fetten Griffen und weiten Zügen blüht mein Herz auf. Ich habe einfach Freude beim Klettern mit Kraft. Wenn ihr aber möglichst schwere Routen bouldern wollt, führt kein Weg an einer offenen Hüfte vorbei. Ich würde sogar soweit gehen, dass nach so einem Tag am Fels Arbeit an der Mobilität weiter führt, als noch ein paar Klimmzüge zu schrubben. Ich hatte auf jeden Fall öfter das Gefühl, durch meine Mobilität und nicht durch meine Kraft eingeschränkt zu sein und das als Yogalehrer.
Ruhe
Ein Teil der Magie in Fontainbleau macht aus, was kein Reel auf Instagram einfangen kann. Ruhe. Bei täglichen 8h im Wald ist die Kraft in den Unterarmen und die Haut an den Fingerkuppen schneller aufgebraucht als die Zeit. Es gibt keinen Grund zu eilen. Auf einmal entsteht der Raum, sich selber zu spüren, andere zu beobachten und den Moment zu genießen. Da kommt eine ganz andere Verbindung mit sich, den Menschen um einen und der Natur auf. Töricht ist, wer versucht, diesen Raum mit Aktivität zu füllen. „Mach mal locker.“ ist das Credo auf dem Weg der Selbsterkenntnis, abgesehen von den 10% der Zeit, die man richtig ballert und mit messerscharfem Fokus alle Energie an den Fels kanalisiert. Kaboom!
Plan und Bewusstsein
Jeder Sektor, den ich in Bleau bisher gesehen habe, bot unzählige Möglichkeiten zu erkunden und mit Bewegungen zu spielen. Hat man aber ein Boulder-Problem entdeckt, das einen in den Bann zieht, ensteht ein ganz neuer Raum. Wie beim Schach sitzt man da und plant akribisch seine Züge. Das kann so weit gehen, dass es am Ende nur noch um den Winkel eines aufgestellten Fußes geht. Wer jetzt innerlich mit „Hä?Das macht doch auch voll den Unterschied.“ reagiert, kennt diesen Zustand wohl sehr gut.
Von der Zeit, die man mit einem schwereren Boulder verbringt, entfällt nur ein kleiner Teil auf das tatsächliche Klettern und Ausprobieren. Dazwischen wird gepuzzelt, ausgetauscht und visualisiert. Gerade letzteres kann soweit gehen, dass man sich selbst vor dem geistigen Auge am Fels sieht, spürt wie sich die Bewegungen anfühlen und sich die Emotionen nach bestimmten Zügen und vorallem dem Top vorstellen kann. Trial and error in the zone. Langfristig macht wohl genau das den Reiz aus. Alles was es dafür braucht, ist bei der schieren Übermenge an Möglichkeiten hin und wieder anzuhalten und eben nicht alles gesehen haben zu müssen. Qualität statt Quantität.
Pausen, Essen, Schlafen, Sein
Egal, ob in der großen Gruppe oder im kleinen, familiären Rahmen, die Pausen im Wald sind etwas besonderes. Das liegt nicht nur daran, dass ich mich von französischem Weichkäse und Baguette leicht verführen lasse. Es ist auch die Stille, die eintritt, wenn man körperlich ganz ausgelastet ist. Wenn man Hunger hat, isst man. Wenn man müde ist, schläft man einfach einen Moment auf dem Crashpad ein. Braucht der Kopf Futter, liest man ein Buch. Sucht man Austausch, gesellt man sich zu den anderen. Die Zeit verläuft völlig intuitiv. Wer kann das schon von seinem Alltag sagen?
Ist doch alles subjektiv
In Fontainebleau haben die einzelnen Boulder Grade, um die Schwierigkeit zu bewerten. Die Einschätzung richtet sich nach dem leichtesten, möglichen Weg. Das gibt eine grobe Orientierung und kann motivieren sowie abschrecken. Der nächste Schwierigkeitsgrad löst auf jeden Fall etwas aus. Das lässt sich nicht leugnen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, das alles zu ernst zu nehmen. Sehr viele Dinge spiegelt der Grad nämlich auch nicht wieder z.B. ob man den „leichtesten“ Weg überhaupt findet, ob der zu den eigenen Körpermaßen passt, welche Witterungsbedingungen herrschen, ob man passendes Schuhwerk hat, wie gruselig die Landung ist oder welche Stärken und Schwächen man selber hat.
Beim letzten Trip bin ich eine 3c (Einsteigergrad) im Überhang (Lieblingsstil) partout nicht hochgekommen. Jemand anderes aus unserer Gruppe, der das erste Mal am Fels gebouldert ist und seine Boulderhallenbesuche in den letzten Jahren an einer Hand abzählen kann, schon. Während des selben Trips habe ich zwei 6a und eine 6a+ abgeschlossen. Wenn man das da mit den Schwierigkeitsgraden zu genau nimmt, kann das schnell frustrieren. Hat man aber nichts von. Eine Freundin scheint da völlig immun und begegnet dem immer mit der selben Frage: „Ja, aber hat es Spaß gemacht?“. Die Antwort ist für die 3c sowie die 6a+: „Na klar!“. Warum man in erster Linie an den Fels gegangen ist, sollte man unterwegs nichts vergessen.
Spielzeit
Für die Bouldergebiete in Fontainebleau gibt es die App „Boolder“. Die beinhaltet Karten aller Sektoren mit Abbildungen der einzelnen Steine. Dort sind nahezu alle Routen markiert. Für jede Route gibt es ein genaues Bild, den Schwierigkeitsgrad und Stil sowie einen Link zu Bleau.info. Dort gibt es für viele Routen Videos mit Beta (Lösung für den Boulder). Die einzelnen Routen lassen ich abhaken oder als Projekt markieren. Kurz gesagt, in Fontainbleau zu bouldern ist noch zugänglicher als jede Boulderhhalle, in der ich bisher war. Das ist wirklich grandios und birgt doch die Gefahr etwas anderes zu verpassen.
Dieser Ort ist auch ein riesiger Spielplatz. Man kann Stunden mit „der Boden ist Lava“ verbringen. Es gibt Löcher zum Durchquetschen und -schlängeln, Sprünge aller Coleur und unzählige, noch zu entdeckende Routen. So einen Sektor mit den Augen eines Kindes zu betreten, bringt einen an eine andere Form der Ursprünglichkeit zurück.
Es gibt ein ruhiges Hinterland
Schon das eine Jahr in Barbizon dachte ich, dass es ja ganz nett ist mit der Kunst an den Wänden und den kleinen Weinbars. Aber erst in Larchant hab ich gecheckt, dass Fontainebleau noch mehr als Wald und Steine zu bieten hat. Das kleine Örtchen kann man von der Dame Jouanne in der Ferne erkennen. Die Ruine einer alten, französischen Kirche ragt über die Baumwipfel. Von Nahem gleicht sie der Filmkulisse eines Historiendramas. Sehr beschaulich. Sehr schmackhaft hingegen waren die übergroßen Brownies im nahegelegenden Café. Die Kultur des Teilens aus dem Wald hat wohl auch hier Einzug erhalten. Mich hätte der Brocken alleine zumindest überfordert. Also ja, es gibt auch ein Leben zwischen den Bouldergebieten.
Kein sans souci in Fontainebleau
Sechs Trips nach Fontainebleau hat es gebraucht, bis ich dann doch mal das sagenumwobene Schloss von der anderen Seite des Zauns gesehen habe. Umgeben von Gittern und Mauern aus Sandstein wartet neben dem riesigen Gemäuer eine sehr umfassende Parkanlage. Es gibt ebene Wege durch künstlich angelegte Natur. Auf einem kleinen See kann man mit dem Ruderboot gegen Bezahlung im Kreis fahren. Schmeißt man einen kleinen Stein ins Wasser, ertönt von Weitem ein Pfiff. Parkwächter sorgen hier für die nötige Ordnung. Beim Entlangschreiten der Wege fühlen sich die Arme wie zwei nutzlose Pendel an. Das Gefühl unter den Füßen ist monoton. Hier wurde Natur geschaffen und gleichzeitig ihrem Reiz beraubt. Alles ist geplant und vorhersehbar.
Es wirkt bizarr, als hätte jemand versucht, die frei verfügabre, wunderschöne Magie des Waldes hinter Mauern nachzubauen, um den Fake vor der breiten Masse zu schützen. Wenn Reichtum dazu führt, dass man sich selbst einsperrt, in einer Welt der konstruierten Gefühle, ist mir das zu unverbunden. Für kein Geld der Welt würde ich mir diesen Wohlstand antun, außer vielleicht als spannende Sozialstudie. Das echte Leben findet auf der anderen Seite der Mauer statt. Da muss man keine Angst haben, dass jemand über die Mauer kommt, sondern nur, dass man selbst den Fels nicht hoch kommt oder der Käse nicht fürs Baguette reicht.
Vielleicht ist es das, was draußen Bouldern letztlich macht. Es bringt uns einer Welt näher, die auf der Schönheit des Vorhandenem fußt. Es lässt uns den Wert des Unscheinbaren wiederentdecken. Für einen kurzen Moment sans souci.
Das Bild entstand spontan. Ich saß auf der Dame Jouanne und Fremde winkten mir von der angrenzenden Klippe zu. Kurzer Austausch und schon kam unter anderem diese Aufnahme per Insta, noch während ich da saß. Ich revanchierte ich mit einem Foto ihrer Gruppe.

