Es ist Sonntag. Das Wetter frühlingshaft. Die Stimmung lebendig. Familien treffen sich auf Flohmärkten. Kinder flitzen über die Spielplätze. Partymäuse liegen noch im Koma. Und die coolen Kids? Treffen sich zum Rumspringen.
Sprung zum Sonntag
Wir sind in der Mitte unserer sportlichen Session und spielen HORSE. Einer legt einen Sprung vor. Alle anderen ziehen nach. Wer es nicht schafft, bekommt einen Buchstaben von Horse. Ist das ganze Wort voll, ist man raus. Schon der Start war energetisch. Wir sind direkt ohne viel Zögern mit voller Kraft rein. Druck und Nervenkitzel begleiten dieses Spiel. Auch die Kinder auf dem Lok-Spielplatz scheinen die Spannung zu spüren. Einige verfolgen unsere Battles und sitzen irgendwann neben uns. Wir kommen ins Gespräch und irgendwie nehmen sie am Geschehen teil, ganz ohne selbst involviert zu sein.
Nachdem schon der erste Sprung das Niveau einer Tageschallenge hatte, legt Jaron einen fulminanten Running-Präzi vor. Man rennt durch den weichen Buddelkastensand an, springt von einer Holzkiste ab und landet präzise auf einer Kante rustikalen DDR-Betons. Jeder hat zwei Versuche. Einmal testen und beim Zweiten Feuer. So hat es zumindest bei Jaron geklappt. Niemand von uns hat den Sprung zuvor schon mal gemacht oder gar probiert. Neuland, auf das man sich eigentlich gerne vorbereiten würde. Aber genau das macht den Reiz des Spiels aus. Alles oder nichts.
Eine Frage der Zweifel
Ich bin an der Reihe. Mein Testsprung sieht gut aus. Die mit Schritten gemessene Distanz ebenso. Vom theoretisch Können zum praktisch Machen ist es aber noch ein Stück. Ein Restrisiko bleibt immer und um das in Kauf zu nehmen, braucht es Überzeugung. Mein Zögern und Abwägen ist sichtbar und nimmt sich seine Zeit. Das Schöne ist, in diesem Sport lernt man ziemlich schnell, offen über seine Ängste und Bedenken zu reden.
Lohnt es sich zu springen, nur um dieses Spiel vielleicht zu gewinnen bzw. angemessen zu spielen? Mir geht durch den Kopf, was nächste Woche alles ansteht. Mein nächstes Training, eine Projektwoche mit Kindern, die ich trainiere, wundervolle Verabredungen… Ist es das wert, dafür einen verknacksten Fuß zu riskieren, auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist? Sicher kann man sich ja immer erst sein, wenn man wirklich gesprungen ist. Bis dahin sind alles nur Vermutungen, die auf den Realitätscheck warten. Ehrlich gesagt, fühle ich es in dem Moment nicht. Auf dem Weg aufzugeben und meinen ersten Buchstaben zu riskieren, unterbricht mich ein wahrscheinlich 7-jähriges Mädchen.
Zwischen Weisheit und Träumen
„Du musst an dich selber glauben.“ Das ist ihr Tipp. Recht hat sie. Das ist es womit wir vor jeder größeren Challenge konfrontiert werden. Egal wie sehr wir unsere physische und mentale Stärke trainieren, dieses Selbstgespräch wartet vor jedem herausfordernden Sprung. Können wir uns vertrauen? Uns selbst glauben? Mir ist klar, für mich werde ich diesen Sprung heute nicht springen. Jemand anderes hat ihn verdient.
Ich renne mit voller Kraft an. Der Absprung passt. Die Flugphase ist so lang, dass sie einen eigenen Satz verdient hat. Meine Schuhe treffen den rauen Beton. Über die Kante fliege ich weit hinaus. Ich bin mit viel mehr Energie rein als nötig, um sicher zu sein. Für das Spiel reicht es nicht. Für etwas anderes schon. „Der war für dich. Du hast recht. Man muss an sich glauben.“, rufe ich ihr zu. Ja verdammt, wir müssen an uns glauben, sonst verschlingt uns das Leben irgendwann. Noch viel mehr müssen wir aber aneinander glauben. In keinem Universum hätte ich in dem Moment nicht springen können. Ansonsten ist die ganze Selbstverwirklichung nichts anderes als das, was Tyler Durden sagt.

