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Me-Time und der Mythos der Freiheit

Wahrscheinlich kennen alle, die auf diesem Blog landen, die Momente, in denen man Joggen geht, um Ruhe zu finden, oder einen Abstecher in die Natur macht, um zu klaren Gedanken zu kommen. Kurz Me-Time, um mit sich selbst in Kontakt zu treten. Wie bei allen guten Trips gibt es so auch hier Menschen, die darauf hängen bleiben. Die Auszeit wird zum Selbstzweck und die Kontaktaufnahme ein dauerhaftes Selbstgespräch. Besonders in der Coaching-Szene und der Selbsthilfe-Literatur ist dieser starke Fokus auf die eigene Person häufig zu finden. Steht die bewusste Auszeit noch im Verhältnis zu etwas, verkommt sie zum Egoismus, wenn das Ich zum Selbstzweck wird.

Me First

Schauen wir auf die Evolution, hat unsere Spezies nicht primär überlebt, weil wir Dinge wie Werkzeuge zu unserem eigenen Vorteil genutzt haben, sondern weil wir zusammengearbeitet haben. Gemeinschaft gehört zum Mensch sein dazu. Dieses Prinzip wird immer wieder auf die Probe gestellt, weil Evolution nun mal so funktioniert. Im big picture bleibt kollektiv allerdings the way to go. Nicht umsonst arbeiten selbst die zerstrittensten Großmächte im Weltraum weiterhin zusammen.

Wir brauchen Gesellschaft – nicht nur, weil nur auf sich zu schauen langfristig einsam macht, sondern weil unser Denken und Fühlen an Bedeutung verliert, wenn wir es nicht teilen (können). Ein Gefühl der Irrelevanz macht sich breit. Ein Gefühl, dass depressiven Menschen vertraut vorkommen wird. Wir verpassen dabei nicht nur das Eingebundensein sondern auch uns selbst.

Wozu brauchen wir Abgrenzung, Selbstachtung, Mitgefühl etc. ohne in Beziehung zu anderen Menschen zu stehen? Auf einer einsamen Insel gibt es keine Stärke, Kreativität und Liebe, nur ein Überleben oder nicht. Wer wir sind, sind wir im Verhältnis zueinander. Erst im Kontakt können wir uns erfahren. Ohne dieses Miteinander fehlt uns ein Teil unserer Selbst.

Viele Menschen, die auf diesen Me-time-Mythos der Coachingwelt anspringen, sind einer Beziehung entflohen, in der sie sich selbst aufgelöst haben. In Reaktion darauf suchen sie sich und ihre Freiheit in der Lossagung und dem Selbstfokus. Aber ist das frei oder nur der gegensätzliche Ausschlag eines aus der Balance geratenen Systems? #Homöostase
Wie auch immer die Antwort ausfallen mag, eines bleibt sicher. Für die eigenen Bedürfnisse einzustehen, lerne ich nicht in der Abgrenzung/Distanz zu anderen. Das lernt sich nur im Vollkontakt.

Paradox der Freiheit

An einem Punkt zu sein, an dem einen alle Möglichkeiten offen stehen, ist nicht Freiheit. Das ist Unentschlossenheit. Freiheit entsteht mit der bewussten Entscheidung zu etwas. So wie Musik nicht durch das wilde Spielen aller verfügbaren Töne sondern durch das Spielen bestimmter Töne im Verhältnis zueinander entsteht. Wenn ich ein Buch schreiben möchte, weil ich etwas erfahren habe, das in die Welt getragen gehört, werde ich schreiben müssen. Ich habe keine andere Wahl, als mir Umstände zu schaffen, in denen das regelmäßig möglich ist, sonst wird dieses Buch nie fertig und meine Mission nur Wunschdenken sein. Gleiches gilt für persönliche Werte, die ich nicht nur vertreten kann, wenn sie mir genehm sind, und Beziehungen, die ich nicht nur führen kann, solange sie mir alles erlauben.

Freiheit ist nicht Bedürfnisbefriedigung, die endlose Weite, sondern die bewusste Entsagung für etwas Größeres. Wie viele Menschen hätten sonst gar nicht die Chance, Freiheit jemals zu entdecken, weil ihnen diese Weite verwehrt ist? Nicht die Privilegien machen den freien Menschen, sondern das Übernehmen der aus den Möglichkeiten resultierenden Verantwortung.

Welche Richtung wir auch einschlagen und wofür wir am Ende voller Inbrunst und mit allen Konsequenzen brennen mögen, unser Handeln bestimmt wer wir sind. Die Worte drumherum sind nur die Geschichten, die wir (uns) erzählen, um unsere Bedürftigkeit und unseren Schmerz zu maskieren. Taten schaffen Charakter. Charakter prägt unser Dasein. Unser Dasein ist, was diese Welt gestaltet. Wir können diese Welt verändern, für uns, unseren Nachwuchs oder einfach weil wir es besser können. Haben wir das große Ganze nicht im Blick wartet am Ende des Etwas-für-sich-tuns die Leere. Der Bezug zur Welt fehlt, weil wir uns nicht auf die Welt beziehen, egal wie schön wir sie uns für den Moment gemacht haben.

Und wo ist eigentlich der Unterschied zwischen diesem me first und America first?

Ursprung eines Narrativs

Viele dieser Bücher und Programme werden von einsamen Wölfen geschrieben bzw. jaulen diese am Lautesten, weil sie es am Nötigsten haben. Die lethargische Masse bejubelt diese Flucht, denn im Vergleich zu ihrem eigenen Stillstand ist da wenigstens Bewegung drin. Von außen ein großes Theaterstück verkleidet in professionelles Marketing und mit Social-Media-Plan. Wenn ich aber in den Wald gehen muss, um mich frei zu fühlen, bin ich dann wirklich frei oder abhängig vom Wald bzw. der Distanz zu anderen?

Freiheit ist keine Frage des Settings. Wenn ich frei bin, fühle ich das am anderen Ende der Welt genauso wie am Familientisch, unabhängig davon welcher Ort mir gerade mehr zusagt. Aber was ist mit dir? Suchst du die Freiheit oder bist du auf der Flucht? Wovor läufst du weg? Was macht dir Angst?

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