Die blaue Pille: „…du wachst in deinem Bett auf und glaubst, was immer du glauben willst.“ oder du wählst die rote Pille und alles verändert sich. In dem Fall findet eine Konfrontation mit der Realität statt und das kann in alle Richtungen gehen. Vor diese radikale Entscheidung wird Neo in Matrix gestellt. Schon längst ist daraus ein philosophisches Konzept geworden. Abseits der Filmwelt gibt es neben wenigen so wirksamen Lebenseinschnitten selten diese Situation, dass wir gefragt werden, ob wir aus der alltäglichen Matrix aussteigen möchten. Genau da setzt die Yogaphilosophie an, denn im Grunde beschreibt der Yogaweg einen Prozess, der uns in den Zustand versetzt, der Welt ehrlich zu begegnen, das Alltägliche zu durchschauen und wirklich zu sehen, was ist.
Die blaue oder die rote Pille?
Die blaue Pille steht als Symbol für ein illusorisches Leben. Kern dieser Illusion ist unser Wunsch, dem Schmerz der Realität zu entkommen. Diese Realität ist die Summe der Entscheidungen, die auf dieser Welt getroffen werden. Das beginnt bei zwei Menschen, die aus irgendeinem Grund unsere Eltern wurden. Wenn wir nicht ganz neben der Spur sind, wissen wir, dass wir in diesem Prozess nicht gefragt wurden. Realität passiert und läuft nicht in den selben Kategorien von z.B. richtig oder falsch, in denen wir denken, ab. Wir können nur durch unsere (hoffentlich wertebasierten) Entscheidungen einen kleinen Teil dieser Realität mitformen. Bei aller Selbstwirksamkeit begegnen wir dem Leben doch immer etwas ohnmächtig. Der Fluss des Lebens ist einfach etwas größer als unsereins. So unfassbar wie das Leben manchmal spielt, gestalten sich die Illusionen, die mit der blauen Pille einhergehen. Das muss gar nicht der 9-to-5-Job mit Haus, zwei Kindern, Hund und zwei Autos sein. Das kann genauso der Sportler sein, der neben seinem Training nichts anderes wahrnimmt oder die Anhänger irgendeiner wilden Strömung, die vermuten, die Wahrheit gefunden zu haben.
Die rote Pille versetzt uns hingegen in die Position, diese Illusionen zu durchschauen und zu sehen, was wirklich ist. Welche Auswirkungen das hat, ist vorher nicht absehbar und vorallem gibt es keinen Weg zurück. Es ist nicht möglich, Dinge ungesehen zu machen. Wir werden konfrontiert und müssen einen Umgang damit finden. Da kann Erleichterndes, aber auch eine Menge Schmerz auf uns zukommen. Wir sehen dann nicht nur die selbst erfahrenen Ungerechtigkeiten sondern auch die weitergetragenen. Gerade das kann sehr hart sein. Umso länger wir zuvor in der Illusion gesteckt haben, umso schwerer wird es sein, den Rückblick auszuhalten. Was danach kommt und ob wir es bis dahin durchhalten ist ungewiss. Ehrlichkeit ist nicht immer eine angenehme Sache.
Die Gunas
Wer trotzdem bereit ist, diese Richtung einzuschlagen, weil verstanden wurde, dass Leben mehr ist als Selbst-befriedigung, wird vielleicht bei den Gunas fündig. In der Yogaphilosophie beschreiben sie drei Gemütszustände, von denen Tamas und Rajas mit der blauen Pille und Sattva mit der roten Pille assoziiert werden können. Lass sie mich kurz beschreiben.
Tamas
Hier geht es um ein Gefühl der Schwere und falscher Genügsamkeit. Es ist das „Ist schon ok“ das uns nicht in die Gänge kommen lässt. Die Trägheit, die das Leben an uns vorbeiziehen lässt. Der Zustand nach einem viel zu großem, viel zu fettigem Essen. Man macht so nebenher, was getan werden muss (wenn überhaupt) und sehnt sich eigentlich nur nach Ruhe. Lethargie ist Tamas in Reinform. Der Kater vom Nichts-tun, was von Bedeutung ist.
Rajas
Wer bremst verliert. Zwischen Burn-out und Hyperaktivität findet sich hier das Gegenteil. Macher-Mindset, Erlebniswahn und FOMO. Ich erinnere mich da an Yngwie Malmsteen, einen der extravagantesten Solo-Gitarristen mit Goldkettchen und Pelzmantel. Bei Aufnahmen rät ihm ein Produzent, weniger sei mehr. Seine Reaktion: „Wie kann das sein? Wie kann weniger mehr sein? Das ist unmöglich! Mehr ist mehr!“ DAS ist Rajas. Jetzt mag im Kopf einiger schnell ein Bild von Pomp und Arbeitseifer enstanden sein, mit dem sich schwer identifizieren lässt. Es dürfen sich aber genauso die angesprochen fühlen, die jede freie Minuten mit Verabredungen, Unternehmungen, ihren eigenen Problemen oder Projekten verbringen müssen oder bei der Vorstellung, einen Tag keinen Sport zu machen, kurz vorm Herzkasper stehen. Es ist eine Flucht vor sich selbst durch den Zwang zu Handeln.
Tamas ist ein Mangel an Bewegung, sodass gar keine Resonanz mit sich entstehen kann. Rajas ist ein Übermaß an Bewegung, sodass keine Zeit für Reflektion bleibt. Gesellschaftlich ist Rajas deutlich akzeptierter. Es ist auch einfach, Tamas-Menschen zu verurteilen. Sie werden schon nicht aufstehen und sich widersetzen. Rajas-Menschen sind hingegen die ganze Zeit aktiv und von ihrem Maß an Aktivität überzeugt. Oberflächlich hat das mehr Präsenz. Sie haben ja auch oft viel vorzuweisen. Nur wie viel ist es wirklich wert? Von außen sehen beide Gemütszustände sehr unterschiedlich aus. Vor dem Kontakt mit ihrem Kern laufen sie allerdings beide davon. Die Illusionen der blauen Pille können verschiedenste Facetten haben.
Sattva
Ein Zustand, in dem wir im Einklang mit dem, was ist, und unserem Selbst wohlüberlegt entscheiden, wann wir rennen und wann wir ruhen, wird in der Yogaphilosphie sattvisch genannt. Dieser Zustand ist weder einfach vorhanden noch muss er gleich von Dauer sein. Die Hinwendung zum Sattvischen ist wie ein Training in bewussten Entscheidungen, um Schritt für Schritt die Matrix und alles Unauthentische zu verlassen. Es können kleine Dinge wie die Wahl des Essens sein. Folge ich dem kurzzeitigen Craving oder entscheide ich mich dafür, mich auch danach noch wohl zu fühlen? Genauso sind es die großen Themen. Steige ich in Dramen und emotionale Verwicklungen ein oder lerne ich mich von unguten Situationen, alten Verhaltensweisen und selbstzentrierten Menschen zu distanzieren?
Sattvische Reinheit kommt von bereinigen. Erst wenn wir alles Falsche radikal ausmisten, gelangen wir zu einem echten Leben. Das muss nicht immer angenehm sein und mag seinen Preis fordern. Wichtig ist, das wir ihn selber und mit einem Lächeln zahlen. Schließlich haben wir uns entschieden. Für den, der die rote Pille wählt, gibt es kein Zurück mehr. Alles andere ist die blaue Pille.
Und wie entscheidest du dich?

