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Yogaausbildung Erfahrungsbericht VIII

…und da bin ich auf einmal Yogalehrer. Das Angebot noch weiter bei Spirit Yoga Berlin zu bleiben, liegt auf dem Tisch. In Potsdam sieht auch alles nach einem festen Platz für mich aus. Von den allermeisten Seiten hagelt es Glückwünsche, Wohlwollen und Anerkennung. Ein bisschen surreal ist das schon für mich. Versteht mich nicht falsch. Ich bin für das alles sehr dankbar und in der Zeit ist sehr viel passiert. Aber ich bin die selbe Person wie davor mit den gleichen Ängsten, Bedürfnissen und guten sowie schlechten Seiten. Auch wenn ich in der Zeit vielleicht einen besseren Draht zu mir gefunden habe, bin ich doch der selbe Mensch mit den selben Träumen, Wünschen und Potenzialen. Just saying… Mit meinem Blog hänge ich unwesentlich hinterher, deswegen fasse ich das letzte Modul und die Abschlussprüfung zusammen. Es wird später noch ein Beitrag kommen, in dem ich vor allem mir selber mal vor Augen führe, was während der Ausbildungszeit eigentlich alles passiert ist. Das bedarf aber noch etwas Reflektion.

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Modul 9: Um es kurz und knapp zu machen… Es gab natürlich einiges an Prüfungsvorbereitung, letzte Fragen und eine Gesprächsrunde mit Patricia, um mal ein paar private Dinge abseits der Ausbildung zu erfahren. So ein bisschen wurde noch nachgeholt, was unterwegs mal irgendwo zu kurz kam. Etwas Pranayama, ein Vortrag über Gandhi, Abgrenzungen der einzelnen Klassenformate… Es kamen aber auch ein paar große Themen wie Seniorenyoga, Businessyoga, eigenes Business (Versicherungen, Selbstständigkeit, Steuern etc.) und Yoga in der Fitnessindustrie dran. Zweimal haben wir Hands-on zu laufenden Klassen geübt. Ein letztes Mal sind wir unsere Prüfungsklasse durchgegangen. War sowas wie eine Generalprobe und genau so lief es auch. Gar nicht mal so gut.

Prüfung: Wir hatten direkt am ersten Tag also Freitagmorgen unsere praktische Prüfung (6 Leute unterrichten zusammen 90min). Der Raum war angenehm voll mit einer sympathischen Mischung aus anderen Auszubildenden und Gästen. Props an meine Mama und Ellen für den Support 😎. Ne im Ernst, war eine tolle Stimmung. Für mich lief die Prüfung im Groben wie gehofft. Ich habe alles gesagt und gemacht, was ich mir vorgenommen hatte und der Schweiß im Gesicht der Praktizierenden neben mir, als ich auf meine Matte zurückkehrte, zeigte mir, dass auch etwas davon bei den Leuten angekommen ist. Das gab mir Zufriedenheit. Direkt im Anschluss nach kurzer Auswertung habe ich noch die dreistündige Theorieprüfung geschrieben. Da gibts nicht so viel zu zusagen. Hat Spaß gemacht.

Am Folgetag hab ich noch zwei andere Prüfungsklassen besucht. Die waren erstaunlich gut. Hat mich echt umgehauen. Dadurch, dass wir viel in unseren kleineren Gruppen unterrichtet wurden, fehlte mir teilweise ein Bild der einzelnen Lehrerpersönlichkeiten. War wirklich spannend dieses Bild an dem Tag vervollständigt zu bekommen. Passenderweise hat ein Freund am Abend noch zu einer grandiosen WG-Party geladen. Ich sag nur Mario Kart, Flunkyball, Twister, Rettungsdeckendeko und echt pornöser Apfelkuchen. Am Sonntag war dann unsere Abschlusszeremonie mit anschließendem Picknick im Yogaraum. Gab etwas Trennungsschmerz, Tränen und ganz rührende Worte. Patricia bekam ein kollektives Geschenk zum Dank. Ein Buch mit von uns geschrieben Erinnerungen und eine Spende an „Yoga hilft“ in ihrem Namen.

Challenge

Mit dieser Kategorie tue ich mich dieses Mal erstaunlich schwer. Natürlich könnte ich ganz zusammenfassend etwas auf die Tränendrüse drücken und schreiben, wie hart die ganze Ausbildungszeit und die Prüfungsvorbereitungen waren, aber das stimmt halt nicht. Eigentlich war alles ziemlich entspannt machbar und hat vor allem Spaß gebracht. Das soll gar nicht überheblich wirken. Ich denke, meine Motivation diesen Weg zu gehen, ist einfach groß genug, um das, was bisher an Mühsal aufkam, nicht als solches wahrzunehmen. Die Herausforderung fühle ich im Moment an einer ganz anderen Stelle.

Seit Ausbildungsbeginn werde ich zunehmend ganz schön mit Lob und Anerkennung überhäuft. Die Prüfung hat das in den darauffolgenden Tagen gipfeln lassen. Ein bisschen kann ich da nachvollziehen, wie es passiert, das manche Yogalehrende ein Stück den Boden unter den Füßen verlieren und sich entscheiden, erstmal auf dieser Welle zu reiten. Mich macht das eher vorsichtig. Ich will zwar zufrieden aber auch nicht zufrieden sein. Eben glücklich ohne einzuschlafen. In meinen Augen bringt Komfort Menschen dazu, Pause zu machen, ohne überhaupt erschöpft zu sein. Wahrscheinlich der Grund, warum es in meiner Wohnung keine Stühle gibt. Mein Tatendrang und der Wunsch nach andauernder, kontinuierlicher Entwicklung sind mir heilig. Verregnete Sonntagmorgen ausgeschlossen.

Das ist allerdings gar nicht der wirklich herausfordernde Punkt. Meine intrinsische Motivation funktioniert ganz gut. Der sitzt viel tiefer und ist viel persönlicher. Ich bin mir auch gar nicht sicher, wie viel davon offen raus will. Auf jeden Fall ist so viel Zuspruch eine ziemlich neue Erfahrung für mich. Ich habe schon so viel härter an Dingen gearbeitet oder es hat sich zumindest so angefühlt und das hat deutlich weniger Interesse ausgelöst. So ein bisschen bin ich gerade noch dabei, den Umgang für mich damit zu lernen. Also seht das hier gerade eher als Zwischenschritt eines längeren Projektes. Auf jeden Fall setzen die Komplimente neben ganz selbstverständlicher Freude und Dankbarkeit immer auch etwas Schmerz frei und der ist herausfordernd …und spannend zu beobachten.

Lektion

Die kam diesmal an einer eher unerwarteten Stelle. Gesellschaftlich bedingt beschränkt sich der Kontakt mit älteren Menschen für die Meisten auf ihre Großeltern und selbst die ruft man viel zu selten an. Zumindest geht es mir so. Gerade deswegen fand ich es sehr schön von Sabine Klein einen Einblick ins Seniorenyoga inkl. Praxis auf dem Stuhl bekommen zu haben. Klar, das war jetzt keine alles erfordernde Stunde, aber auch alte Leute wollen offensichtlich nicht nur gepampert werden. Kann mir mich selber auch nicht so recht mit 80 im Wattebett vorstellen. Seniorenyoga ist definitiv keine Reisebegleitung zum ewigen Komfort. Eine sehr angenehme Überraschung. Im Alter wollen sich die Leute trotz aller Beschwerden und eventueller Einschränkungen bewegen und suchen den sozialen Austausch vor und nach der Stunde. Junge Leute sind trotz Beschwerdefreiheit eher bewegungsmüde, bequem und für den sozialen Austausch viel zu zurückhaltend oder gehetzt. Eine Beobachtung, die durchaus nachdenken lässt.

Empfehlung

Macht unbedingt so eine Ausbildung. Am besten diese. Die transformierende Wirkung ist der Wahnsinn. Ihr werdet ganz neue Menschen sein, euch erst richtig kennenlernen. Jede Person sollte ihre ungeahnten Potenziale erforschen und sich auf den Yogaweg machen. Diese spirituelle Reise ganz in eure Mitte…es gibt nichts besseres. Bla, bla, bla…

Nein im Ernst. Wenn ihr das Gefühl habt, dass Yoga und vor allem das Unterrichten euer Weg ist, bekommt ihr hier eine sehr fundierte Ausbildung, die euch auf einen Weg schickt und das Potenzial hat, Dinge ins Rollen zu bringen. Für mich ist überhaupt nicht wichtig, ob ihr Yoga macht oder was ihr stattdessen macht. Ich kann euch nur empfehlen, eine regelmäßige Praxis oder innerhalb eurer Praxis eine Routine zu finden, die euch immer wieder auf euch selbst zurückwirft. So eine Art Morgentoilette für Körper, Geist und Seele. Da kann sich ganz schön was festsetzen, wenn man nicht regelmäßig durchkehrt.

Kleine Anekdote

Heute ein kleiner Ausschnitt aus meinem Leben als Yogalehrer. Ihr wisst schon, diese Welt in der digitale Abstinenz auf Instagram oder live auf Facebook als Wohltat und Weg zum Glück verkauft wird. Lässt man den Ort der Verkündung der frohen Botschaft weg, ist der Inhalt schon recht stimmig. Neben einigen Ausnahmen ist das Leben ohne den Rummel in den sozialen Medien deutlich entspannter. Eine befreundete Lehrerin meinte auch mal zu mir, dass die Präsenz dort nicht so wichtig ist. Wenn du gut, also so richtig gut bist bzw. deine Arbeit einfach stimmig ist und das betrifft weniger als man annehmen würde, kommen die Menschen von ganz alleine zu dir. Sie hat ihren Internetauftritt auch nur, weil es ihr empfohlen wurde. Wirklichen Nutzen hat sie davon nicht.

Die Zeit scheint besser in eine fundierte Ausbildung und regelmäßige eigene Praxis investiert zu sein, so dachte ich. Hab mich also frohen Mutes erstmalig auf einen kleineren Yogajob beworben. Ich beschränke das Telefonat mal auf das Wesentliche. „Wenn man dich googelt, findet man gar nichts zu dir.“ War ich schon ein bisschen stolz. Schaffen nicht viele. Ging dann aber eher in die Richtung: „Nichtmal Instagram? Das kostet nicht mal was!“. Resümee: Digitale Abstinenz und mal abschalten ist an sich gut besonders in Form von käuflich erwerbbaren Retreats, aber nur wenn ihr nicht zu tief in Yoga eintauchen wollt. Da muss der Medienrummel schon laufen. Aber fragt doch mal auf Instagram erfolgreiche Leute, ob es sie wirklich nichts kostet.
(Nicht böswillig, nur Amüsement über die Ironie. Anfragen zu Kollaborationen explizit erwünscht. Support the next Yogistar on internet!!! Ganz bestimmt bald auch auf Instagram!)

Danke Ellen für den spontanen, nächtlichen Fotoeinsatz.

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