Kaum eine Frage treibt mich um wie diese. Warum schaffen es die einen Menschen ihrem Schicksal zu entrinnen, während die anderen in einer Illusion des Voranschreitens durch ihren eigenen Sumpf staksen? Die einen Befreien sich von der ihnen mitgegebenen Geschichte hin zur Eigenständigkeit und die anderen sind im ewigen Kampf gefangen, wenn sie nicht schon müde geworden sind. Was unterscheidet diese Menschen? Sind es Erlebnisse? Ist es das Denken? Gar Glück in der Geburtslotterie? Eine Antwort darauf zu finden, ist nicht nur für meine Arbeit elementar sondern sehr sicher für den einen oder die andere auch persönlich.
Der Mythos der Umstände
Ich hab in meinem Leben schon so viele wirklich grausame Lebensgeschichten gehört, dass alleine die Erinnerung daran mein Herz in Wut und Trauer spaltet. Wahrscheinlich hat die jeder Mensch in seinem Umfeld, wenn nicht gar im eigenen Rucksack. Aber (und das ist ein großes Aber) bei den meisten Menschen, die mir begegnet sind, haben diese mitunter sehr traumatischen Erfahrungen zu großer Tiefe geführt. Die anderen reden wahrscheinlich nicht darüber und sind hier und heute nicht im Fokus.
Wer ein bewusstes Leben führen und am Tisch noch was Relevantes zu erzählen haben möchte, muss in diese Tiefe hinabsteigen und sie durchqueren, um das mal ganz bildlich anzugehen. Nur irgendwann ist es Zeit, sich davon zu lösen und aufzusteigen. Genug der Dunkelheit! Ob das gelingt, scheint dabei nicht primär an der Beschaffenheit des Weges zu liegen. Dafür habe ich schon zu viele Menschen ehrlich strahlen sehen, die es alles andere als leicht hatten.
Wer eine dieser kraftvollen Geschichten lesen möchte, sollte sich In der Hölle tanzen von Edith Eva Eger besorgen.
Ausweglosigkeit
Wenn es nun nicht an den Umständen liegt, was dann? „Ich hatte keine andere Wahl.“ bekam ich in Gesprächen zu hören und das stimmt auf seine Art. Wenn man frei werden möchte, gibt es keinen anderen Weg als unerbittlich das Leben anzugehen und wie Sisyphus diese Last immer wieder den Berg hinaufzuschieben, bis man irgendwann über den Berg ist. Aber ist das alles? Nur weil man keine Wahl hat, fängt man an, diese Tortur aus Anstrengung, Scheitern und Neubeginn auf sich zu nehmen? Ich weiß nicht.
Hat man nicht immer eine Wahl? Ist es nicht jederzeit möglich, alles zu akzeptieren und sich selbst aufzugeben oder gar ganz radikal zu sterben? Das mögen keine schönen Optionen sein, aber sie sind existent. Oder was ist das allabendliche Fernsehgucken anderes als der Entschluss zum Warten auf den Tod? Völlig egal, ob das Medium Netflix oder Youtube heißt. Diese Lethargie wird gerne von den wildesten Glaubenssätzen begleitet. Aber wie sagte schon Dr. Brad Blanton? „Freiheit heißt nichts anderes, als nicht von deinem eigenen Bullshit dominiert zu werden.“ Zu finden in Radikal Ehrlich.
Was führt also zur Bereitschaft, mehr Anstrengung aufzuladen, um dem Leiden zu entkommen? Denn oft erscheint der Status Quo nicht gut, aber erträglich. Man weiß, was man hat. Eine trügerische Sicherheit. Erreicht das Leid ein Maß, das unaushaltbar wird, kann alleine das wahrscheinlich Momentum kreieren. Was ist aber mit dem stetigen Leid, der alltäglichen Unzufriedenheit? Woher kommt der Gedanke, dass es überhaupt eine Alternative dazu gibt?
Just a Little Spark in the Dark
So sang es schon Alice Cooper. Jedes Feuer startet mit einem Funken. Der will genährt und gehütet werden, um zu einer ernsthaften Flamme heranzuwachsen, die uns in der Dunkelheit den Weg leuchten kann. Dieses Feuer ist ein Symbol für unseren Glauben. Damit meine ich gar keine religiösen Konzepte, auch wenn das für manche Menschen möglich sein mag, sondern den Glauben an etwas Größeres und uns selbst.
So wie Monkey D. Ruffy für seine Suche nach dem One Piece und die Freiheit aller bereit ist zu sterben, müssen wir für etwas brennen, um auch unter den widrigsten Bedingungen wieder auf die Beine zu kommen und unseren Weg weiterzugehen. Gleichzeitig müssen wir überzeugt davon sein, dass in uns die Fähigkeiten schlummern, diesen Weg zu beschreiten. Zumindest dieses Selbstvertrauen lässt sich zum Teil erarbeiten. Wer 5mal einen Berg bestiegen ist, kann schwerlich behaupten, diesen Berg nicht besteigen zu können. Um im einarmigen Handstand an seinen körperlichen Fähigkeiten zu zweifeln, braucht es schon ein großes Bedürfnis, das zu tun. Jede Frau, die ein Kind zu Welt gebracht hat, wird wissen, dass es bei „Ich kann nicht mehr.“ gerade erst losgeht. Um nur einige Bespiele zu nennen…
Umso weniger wir unsere eigene Leuchtkraft sehen, erfahren haben oder an sie glauben, umso mehr brauchen wir es, von der Leuchtkraft anderer erfasst zu werden. Ein Feuer kann ein anderes entfachen. Menschen zu sehen, die ihren Weg konsequent gehen, macht etwas mit uns. Nicht umsonst faszinieren uns die Ergebnisse und Geschichten dahinter so sehr. Selbst mein Opa, damals Fernkraftfahrer und wenig am Lesen interessiert, verschlang ein Buch vom Bergsteiger Reinhold Messner. Mindestens genauso hilfreich ist ein ernst gemeintes „Mach! Ich traue es dir zu.“. Leider, das sei hier auch erwähnt, macht die Phase, in der das eigene Feuer noch Zunder sucht, empfänglich für Außeneinwirkung und einige Menschen sind nicht immer ehrlich an unserer sondern vor allem ihrer eigenen, mitunter monetären Entwicklung interessiert. Aber das ist noch mal ein anderer Artikel.
Hüte dein Feuer
Es ist also dieser Funke bzw. diese Flamme, die den Unterschied macht, weswegen in meiner Trainingsphilosophie Entfachen an erster Stelle vor Zentrieren und Entwickeln kommt. Haben wir unser Feuer einmal gefunden, müssen wir es uns bewahren. Es ist, was die Dunkelheit fern und uns am Leben hält und wenn es kräftig genug ist, auch die Menschen in unserer Umgebung erfasst, sofern sie bereit sind.
So sehr es darum geht unser Feuer vor allen Eindämmungsversuchen von außen zu bewahren, so sehr sollten wir uns die Menschen bewahren, die an uns und unser Schaffen glauben. Denn wenn wir mal unachtsam sind, halten sie uns auf Kurs, legen ein neues Stück Holz in die Flamme und eine Hand auf die Schulter und im Ohr flüstert es: „Allez! Auf geht’s.“.
Denkt man das weiter, entsteht ein ziemlich schönes Weltbild aus Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen, weil sie alle gleichermaßen versuchen, ihrer Aufgabe zu folgen. Wer stolpert, wird aufgehoben, in dem Wissen, dass sich gemeinsam besser am Feuer sitzt. Alles, was es braucht, ist ein Funke für den ersten Schritt. Ein anderes Leben ist möglich. Allez! Auf geht’s.
Das Foto stammt von Natalie Stahl und wurde auf dem gefrorenen Teufelssee aufgenommen.
Die Bücherlinks sind sponsored..

