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Kälteexposition auf dem Brocken – diesmal richtig

Bereits letztes Jahr war ich oberkörperfrei auf den 1142m des Brockens und habe Wiederholung angekündigt. Das Wetter war damals mit Temperaturen um die 0°C und strahlendem Sonnenschein so entgegenkommend, dass ich mir auch für den Abstieg nichts überzog. Diesmal nahm die Tour einen kühleren Verlauf.

Gut gerüstet für Kälteexposition

Anders als letztes Mal ging ich nicht alleine, sondern wurde von der wundervollen Fotografin Natalie Stahl begleitet. Sie hat natürlich die Bilder gemacht. Warmherzige Begleitung hilft, das Gemüt sommerlich leicht zu halten.

Was ebenso hilft ist ausreichend Schlaf, genug Essen vorab und währenddessen und ein bisschen Fleisch auf den Rippen. Ersteres hat bei uns nicht so gut funktioniert. Manche Nächte sollen einfach nicht enden. Beim Essen macht es Sinn auf ausreichend Kohlenhydrate zu achten, da der Kohlenhydratstoffwechsel in der Kälte etwas besser funktioniert bzw. der Fettstoffwechsel schlechter. Kommt Höhe dazu, verstärkt sich dieser Effekt.

Mensch ohne Shirt mit Sonnenbrille auf dem Brocken

Denkt daran, dass ihr nicht nur Energie für die Wanderung sondern auch für die Kälte braucht. Bei mir war das frühs eine gehörige Portion Haferflocken. Der Aufstieg wurde von Matcha Latte und Orangensaft begleitet. Für unterwegs gab es ein paar ordentliche Stullen. Einzig am Riegel hätte ich mir bald die Zähne ausgebissen, dabei hatte ich den schon in der Hosentasche. War wohl wirklich kalt.

Die Sonnenbrille habe ich tatsächlich nicht der langen Nacht wegen getragen, sondern als Versuch, weniger angequatscht zu werden. Hat nicht funktioniert. Lag vielleicht daran, dass es schon wieder ein Wochenende war. Dafür habe ich scheinbar unbewusst den Mallorca-Vibe auf den Berg gebracht.

Gleicher Weg, andere Kälte

Startpunkt war die Kaffeeklappe in Oderbrück. Von da aus liegt der Großteil des Weges in der Sonne, wenn sie denn scheint. Wir hatten Glück. Bei -6°C und deutlich mehr Schnee ging es los. Links und rechts rauschten Langläufer an uns vorbei. Zwischen den Loipen weicher Schnee. Das hat den Aufstieg etwas ausgebremst. Der Temperaturunterschied war nicht so sehr spürbar, aber an meinem Körper sichtbar. Ziemlich rot und stellenweise etwas taub. Jeden Wechsel zwischen Licht und Schatten, jeden Windzug konnte ich sofort wahrnehmen. Ich fühlte mich der Natur dadurch ein ganzes Stück näher.

Zwischen wunderschönen Panoramen über den Harz, gespickt mit einigem Totholz, taucht ein Wort in den Randbemerkungen der Passanten immer wieder auf. Männlichkeit. Das lässt mich aufhorchen, denn meine Beweggründe sind andere. Vielleicht ist es aber gut, dass so ein Abenteuer damit in Verbindung gebracht wird, auch wenn es mich erstmal überrascht. Denn wer seine Identität als Mann sucht, ist damit deutlich besser beraten, als mit dem gängigen Weg sich zu betrinken, zu pöbeln und hübschen Frauen wie teuren Autos nachzugieren. Nicht weil Herausforderung besonders männlich ist, sondern weil sie einen zu Gelassenheit führt und einen angenehmeren Zeitgenossen werden lässt. Man hat etwas zu erzählen und kommt mit sich selbst ins Reine, denn im Zweifelsfall weiß, was man kann.

Nun ist nicht immer ein schneebedeckter Berg in der Nähe, die viel beworbene kalte Dusche schon. Das stärkt den Charakter und ist ein Anfang.

Challenge oder was?

Soweit so fluffig. Zurück zum Aufstieg. Kurz vorm Gipfel treffen wir noch eine Wim-Hoff-Gruppe, die bereits angezogen und auf dem Heimweg ist. Schlaue Leute stellt sich später heraus. Das Beste liegt noch vor uns. Die Bäume verschwinden. Der Blick wird frei. Es geht um den Berg herum. Schatten macht sich breit. Der Wind nimmt zu. Ich ziehe das Tempo an, um noch etwas Wärme zu erzeugen. Die Kälte kickt schlagartig hart. Nicht langsamer werden. Der Kopf voll im Überlebensmodus. Fotostopp. Die Aussicht ist so schön. Ernsthaft? Zum Glück haben wir beide genug Feuer im Innern und die kleine Ehrenrunde macht fast nichts aus. Für dich würde ich es wieder tun. Aber jetzt hoch zum Gipfel. Leichtes Pieksen auf der Haut begleitet mich. Endlich da. Schnell das Gipfelhoch fürs Beweisfoto nutzen. Der Kopf denkt eher zügig als gewieft. Kommunikation wird knapper. Es ist kurz vor Sonnenuntergang. Endlich anziehen und dann wird es besser oder?

Weit gefehlt. Anziehen beginnt mit Handschuhe ausziehen. Meine Sachen sind zum Glück sinnvoll gepackt. Das gleicht die verlangsamte Motorik etwas aus. Wie gesagt, der Kopf ist gerade eher schnell als schlau, sonst würde man sich nicht dem Wind exponiert auf dem Gipfel anziehen. Naja es hat funktioniert. Schnell die letzten Sachen verstauen. Beim Versuch etwas in Natalies Rucksack fallen zu lassen, lässt sich meine Hand kaum öffnen. Auf geht’s. Im Laufschritt los. Beide durchgefroren bis auf die Knochen rennen wir dem Sonnenuntergang entgegen. Vielleicht können wir dieses warme Orange über der Landschaft noch irgendwie einfangen.

War der Aufstieg noch voller Menschen, begegnet uns abwärts kaum jemand. Die Sonne verschwindet, aber hey ich kann meine Finger wieder spüren. Die Kälte jagt uns nach. Es wird dunkler und frostiger. Einzig die Stille und das Erlebnis im Gepäck sind ganz angenehm. Zurück am Auto sind es mittlerweile -11°C. Hui. Die Wim-Hoff-Leute hatten wohl ein besseres Timing. Aber wenn wir ehrlich sind, ein bisschen Unvernunft lässt sich genießen. Das erklärt vielleicht, warum wir auf dem Heimweg bei McDonalds zum Eisessen halten.

Nachgeschmack der Kälteexposition

Für den ersten Moment fühlt sich das warme Auto sehr erlösend an, bis sich die Gefäße wieder weiten und sich die Kälte im Körper ausbreitet. Im Warmen sitzend, friert man auf einmal von Innen. Gleichzeitig setzt eine Ruhe und Entspannung ein, die ihresgleichen sucht. Ich weiß nicht, ob es der wenige Schlaf zuvor, der weiche Schnee beim Aufstieg oder der sehr zügige Abstieg war, aber ich konnte die Strecke noch am nächsten Tag spüren. Gut so, denn das war nur die Vorbereitung für Größeres.

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